Bergmodell

Das Bergmodell

Eine Landkarte für das, was in uns passiert.

Von Dr. med. Georg Hünig · Stand

Wie alles mit einem Wort anfing

Ein Patient sagte einmal zu mir: „Ich habe so eine Neigung, mich oder andere schuldig zu machen.“ Bei dem Wort Neigung bin ich hängen geblieben. Eine Neigung ist ein Gefälle. Und auf einem Gefälle rollt etwas nach unten.

Aus diesem Gedanken ist über fünf Jahre das Bergmodell geworden. Erst eine Handzeichnung, dann Formsand in einer Kuchenform, dann Gips, Schicht für Schicht. Heute steht in meiner Praxis ein gefrästes Modell aus Holz – und darauf liegt eine kleine Kugel.

Die Kugel zeigt, wo du gerade stehst

Die Kugel ist dein seelischer Standpunkt. Liegt sie oben, bist du bei deinen Gefühlen. Du spürst, was los ist, und kannst gut für dich und andere sorgen.

Oben verläuft die Hügelkette der Gefühle: Freude, Schmerz, Angst, Trauer, Wut. Fünf Gefühle reichen. Sie sind leicht zu merken und trotzdem bunt.

Unter Druck rollt die Kugel ab. Auf der einen Seite landet sie auf dem Täterplatz, dem Ort der Selbstvorwürfe – „ich bin schuld, ich mache alles falsch“. Auf der anderen auf dem Opferplatz, dem Ort der Vorwürfe gegen andere – „du hast mir das angetan“. Beides fühlt sich unterschiedlich an. Beides bringt uns nicht weiter.

Drei Schichten: Säugling, Kind, Erwachsener

Das Fundament: Frühe Prägungen im Säuglingsalter werden zu Grundüberzeugungen. Sie steuern uns bis heute, meist ohne dass wir es merken.

Die Hänge: Gesunde Beziehungen – gesundes Wachstum. Hier lernt das innere Kind, mit der Welt zurechtzukommen. Was es dabei an Resonanz bekommt oder vermisst, prägt die Form des Berges.

Der Gipfel: Der Erwachsene fühlt, was das Kind gelernt hat. Symptome, Überforderung, Schuldgefühle, Streit – das ist das, was wir oben spüren. Die Ursachen liegen tiefer.

Was das Modell im Alltag bringt

Liegt die Kugel auf dem Täterplatz, rollen wir sie über die Hügelkette der Gefühle wieder nach oben. Dann wird aus einer Selbstbeschuldigung meistens ein tiefes Mitgefühl – für sich selbst und für andere. Liegt sie auf dem Opferplatz, verwandelt sich der Groll oft in Selbstmitgefühl, sobald sie wieder im Hochtal ankommt.

Viele Patientinnen und Patienten sagen mir nach der ersten Stunde am Modell: „Jetzt sehe ich es.“ Das ist der Unterschied zwischen verstehen und begreifen. Man muss es anfassen können.

Ausführlich beschrieben – in Fach- und in Alltagssprache – im Buch „Modelle in der Psychotherapie“. Diese Seite ersetzt keine Beratung oder Behandlung.

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